Empfehlungen für die Audiodeskription im Kinderfilm

Hörfilme ermöglichen es blinden und sehbehinderten Menschen, Filme als Ganzes wahrzunehmen und zu genießen. Diese Filme sind mit einer Audiodeskription (AD) versehen, die in knappen Worten zentrale Elemente der Handlung sowie Gestik, Mimik und Dekor beschreibt. Diese Bildbeschreibungen werden in den Dialogpausen eingesprochen.

Allerdings bestehen bei den Anforderungen an eine Audiodeskription wichtige Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen. Kinder verfügen über weniger Lebenserfahrung und einen kleineren Wortschatz. Sie weisen einen anderen kognitiven und sprachlichen Entwicklungsstand auf. Komplexe Zusammenhänge müssen daher in einer einfachen und dem Alter angemessenen Sprache erklärt werden.

Eine Audiodeskription für Kinderfilme muss sich immer an den Bedürfnissen von Kindern orientieren.

Grundsätzlich ist eine Mitarbeit von Kindern in der Abnahme zu empfehlen, da sie am besten die angemessene Umsetzung der Audiodeskription beurteilen können.

Die folgenden Punkte sollten hierbei beachtet werden. Sie bauen auf den bestehenden Empfehlungen für Standards barrierefreier Filmfassungen der FFA auf (Stand: Juli 2017).

Umgang mit Sprache

  • Nur Wörter aus dem Grundwortschatz von Kindern verwenden, lieber zu einfaches Vokabular, außerdem Wörter aus den Filmdialogen aufgreifen.
  • Homophone Wörter, also gleichklingende Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung, vermeiden: z.B. „Fälle“/ „Felle“.
  • Einfache und kurze Sätze bilden und Wortanzahl an das Alter der Kinder anpassen. Für Kinder unter 6 Jahren maximal 6 „sinntragende“ Wörter: z.B. „Das Mädchen geht zum Tisch und legt das Buch darauf“, ab 6 Jahren 6 - 10 Wörter.
  • Die Wortfolge im Satz muss der Reihenfolge entsprechen, in der Dinge geschehen: z.B. „Jan wirft den Ball und hüpft hoch“ statt „Bevor Jan hochhüpft, wirft er den Ball".
  • Erst die Handlung nennen, dann die nähere Bestimmung: „Peter zeigt auf den Ball. Er hat den Kopf gesenkt“ anstelle von „mit gesenktem Kopf zeigt Peter auf den Ball.“
  • Höchstens ein Linksattribut, also eine nähere Bestimmung, die vor einem Begriff steht: „kurzes Sommerkleid mit roten Tupfen“ anstelle von „rot getupftes kurzes Sommerkleid“
  • Verbklammer vermeiden: „öffnet die Tür“ besser als „macht die Tür auf“
  • Pronomen vermeiden. Pronomen sind zu vieldeutig, können sich auf Personen und Sachen beziehen und erschweren es Kindern, den Bezug zu verstehen: „Paul will sich setzen, doch Lotte zieht den Stuhl zurück.“ anstelle von „Als Paul sich auf seinen Stuhl setzen will, zieht sie ihn weg.“ (bezieht sich „ihn“, „auf den Stuhl“ oder „Paul“?)

Umgang mit Filminhalten

  • Im Film jeder mehrfach auftretenden Person ein wesentliches äußeres Kennzeichen als sprachlich möglichst kurzes Attribut zuordnen, das beim ersten Auftreten eingeführt und dann wie der Name am Anfang jedes neuen Auftritts immer wieder genannt wird. Anstelle eines äußeren Kennzeichens kann auch die Funktion genannt werden: z.B. „der Hausmeister Henry“, „die Tante Irmgard“ oder „die rothaarige Lilly“. Sehende Kinder können an Kleidung, Frisur, Gestik und Mimik die Funktion und das Verhältnis der Figuren untereinander ablesen, noch bevor sie im Dialog genannt wird. Das muss in der AD für nichtsehende Kinder ausgeglichen werden.
    Bei der Beschreibung der Personen muss zwangsläufig eine Auswahl erfolgen. Hier sollten vorrangig solche Details genannt werden, die auch akustisch relevant sind, so werden gleichzeitig die Geräusche erklärt, z.B. das Rasseln eines Schlüssels oder das Klackern von hohen Schuhen.
  • Filmorganisatorische Informationen, z.B. der Name einer Person oder eines Ortes, frühzeitig nennen, ggf. auch bevor sie im Bild erscheinen. Spannungsfördernde Informationen, Auflösungen, Pointen zeitgleich mit dem Erscheinen im Bild oder im Nachhinein.
  • Zum Filmbeginn Einblendungen (z.B. zu Schauspielern) von Beschreibungen der Handlung eindeutig trennen. Beides sollte sich nicht abwechseln. Das könnte Kinder irritieren. Den tatsächlichen Beginn der Handlung zusätzlich betonen. Falls es sich um eine abweichende Filmart handelt (z.B. Zeichentrick oder Animation), diese kurz nennen und erklären.
  • Schriftliche Einblendungen möglichst in den Text der Audiodeskription integrieren, aber ohne das Wort „Einblendung“ zu verwenden. Diese Info könnte Kinder verwirren und spielt für sie keine große Rolle.
  • Bei Szenen mit vielen Darstellern, die bekannten Darsteller zumindest zahlenmäßig nennen: lieber „die drei Freunde gehen weiter“ als „die Freunde gehen weiter“.
  • Nach dem Film einen Hinweis geben, wo es weitere Informationen gibt (z.B. im Internet unter folgender Seite).

Zusätzlich können Stilelemente eingesetzt werden, die durch eine verstärkte Aussprache und ergänzende Ton-Effekte den Film für Kinder attraktiver gestalten und verständlicher machen. Diese Punkte werden bisher im Hörfilm noch nicht eingesetzt. Sie sind daher vorerst nur als Anregungen zu verstehen.

  • Emotionen und Stilmittel bei der Aussprache hervorheben. Verschiedene Stimmlagen, eine hervorgehobene Aussprache (z.B. ein rollendes r) und parasprachliche Mittel (z.B. das Umblättern einer Seite als Merkmal für einen Szenenwechsel) erleichtern blinden Kindern, der Handlung zu folgen.
  • Filmtechnische Kunstgriffe, wie Wechsel zwischen realem Film und Animation, Farbfilm vs. Schwarz-weiß-Film, Zeitlupe, Zeitraffer, Unschärfe oder Flackern, nicht nur benennen sondern auch in geeignete akustische Mittel übersetzen, wie Rauschen, Stimmverzerrung. 
  • Wortneuschöpfungen aus den Dialogen durch den Kontext und sehr deutliche Aussprache hervorheben: z.B. „Thilo fffindet ein Papier. Das FFFFFFundpapier.“

Hinweis: Die Empfehlungen entstanden im Rahmen eines Workshops mit blinden und sehbehinderten Kindern und unter Mitarbeit von Dr. Gesina Volkmann.

Oktober 2018

hörfilm.info
c/o Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) e.V.
www.hörfilm.info, Mail: info@hörfilm.info

Weiterführende Informationen:
Dr. Gesina Volkmann, Linguistin, Philologin und Master in Audiovisueller Übersetzung
gss Schulpartner GmbH, SFZ/Sprachförderzentrum Berlin Mitte
Mail: gvolkmann@gss-schulpartner.de; volkmann@sprachfoerderzentrum.de

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